Stefan 'Sterni' Mösch
Enrico der Verlierer
Eine Erzgebirgstragödie
27
Am Montag und Dienstag fehlte Enrico der Mut, das Jobcenter zu besuchen, denn er befürchtete das Schlimmste von den behördlichen Verwaltern seines Elends. Deshalb versuchte er zunächst einmal, seine immer größer werdende innere Unruhe mit Alkohol zu besänftigen, doch ohne den erhofften Erfolg. Des Morgens erwachte er in Schweiß gebadet und mit Herzklopfen in seinem Bett. Am Mittwoch in aller Frühe faßte er dann endlich den verzweifelten Entschluß, nicht länger zu warten und ohne weitere Zeitversäumnis seine Neuanmeldung auf dem Amt zu erledigen, denn das träge Zuhauseherumsitzen machte alles nur noch viel schlimmer.
Bereits von der Dame am Empfangsschalter wurde ihm mitgeteilt, daß er mit einer einmonatigen Sperre rechnen müsse, da er ohne triftigen Grund eine Beschäftigung abgebrochen habe, aber auch, weil dies bei deutschen Arbeitsämtern schon immer gute Sitte und Brauch sei.
„Warum haben Sie uns denn nicht unverzüglich über den Streit mit Ihrem Chef informiert? Jetzt ist es leider zu spät und Sie müssen die vollen Konsequenzen für Ihre Versäumnis tragen.“
Beschwert mit den neuen Antragsformularen und der dringenden Ermahnung, diese so schnell wie möglich auszufüllen und an das Amt zurückzusenden, fuhr er betrübt nach Hause zurück.
Geld auf Vorschuß hatte man ihm vorerst verweigert.
Zunächst solle er sich erst einmal gedulden, bis seine Akte bearbeitet worden sei, hieß es.
Das könne natürlich etwas dauern; bei dem immer höheren Arbeitspensum der Jobcenter-Mitarbeiter, zumindest drei bis vier Wochen.
„Und ohne eine nachweisbare Girokontoüberziehung gibt es bei uns schon lange kein Vorschußgeld mehr.
Ich könnte Ihnen da von viel schlimmeren Fällen als dem Ihren erzählen … Sollten Sie aber in der Zwischenzeit gar nicht mehr über die Runden kommen, dann wenden Sie sich doch an das für Sie zuständige Sozialamt,“ hatte ihm die erst vor kurzem in einem Anti-Aggressions-Lehrgang psychologisch geschulte Dame am Schalter Teilnahme heuchelnd zum Abschied noch geraten.
„Die sind es ja eigentlich, die für solche Fälle wie Sie zuständig sind.“
Unzählige Male rief Enrico in den nächsten Tagen und Wochen vergeblich die Jobcenter-Hotline an und jedes Mal wurde er auf die nächste Woche, einmal sogar auf einen Rückruf am nächsten Tag, vertröstet, ohne daß sich das mindeste ereignete. Eine Vorsprache bei seinem Job-Manager wäre nicht möglich, hieß es dann schließlich. Solange sein Fall nämlich noch in der Bearbeitungsphase stecke, solange besäße er auch keinen persönlichen Vermittler. So verging allmählich der Monat Oktober, die Blätter färbten sich rot und wurden von den tobenden Herbststürmen von den Ästen gerissen – und von den tausend Euro, die ihm seine Großmutter im August vor ihrer Einlieferung ins Krankenhaus noch fürsorglich hatte zukommen lassen, war kaum noch etwas übrig geblieben, nachdem er davon die fällige Monatsmiete bezahlt hatte. Er fühlte sich wie auf die Folter gespannt durch die Ungewißheit, in der er ausharren mußte und lag den größten Teil des Tages von Depressionen geplagt im Bett herum. Zum Aufstehen verspürte er überhaupt keine Lust mehr. Was hätte er denn auch mit sich anfangen sollen, gequält von bitteren Existenzängsten und Minderwertigkeitskomplexen, seiner letzten Hoffnungen beraubt. Das Nachts fand er keinen Schlaf und selbst das Oettinger-Bier, auf das er seit einiger Zeit aus Sparsamkeitsgründen umgestiegen war, schmeckte ihm nicht mehr. In der Regel kam er mit ein bis zwei Butterbrötchen pro Tag aus, auf die er ab und zu etwas Aldi-Rahmkäse schmierte, wenn er mal ein wenig Hunger verspürte. Eine Beutelsuppe wärmte er sich nur noch zuweilen auf, um sie dann appetitlos hinunterzuwürgen.
Nachdem er am Ende des Monats gezwungen gewesen war, sein Girokonto zu überziehen, wagte er endlich den verzweifelten Entschluß, nochmals auf eigene Faust zum Jobcenter zu pilgern, mit dem festen Vorsatz, sich diesmal keinesfalls ohne befriedigende Auskunft abweisen zu lassen.
Er hatte Glück.
Jetzt, gegen Ende des Monats, war die Schlange der Wartenden bedeutend kürzer wie zum Monatsanfang.
Von der Dame am Empfangsschalter verlangte er schier todesmutig ein klärendes Gespräch mit seinem Jobvermittler, den er zur Zeit doch noch gar nicht besaß.
„Da kann ich Sie höchstens zu Frau Werner von der Leistungsabteilung schicken.
Die ist für die Bearbeitung Ihres Falles zuständig“, wurde ihm schließlich nach einem kurzen hinter vorgehaltener Hand im Flüsterton geführten Anruf beschieden.
„Aber fassen Sie sich bitte kurz, Frau Werner hat heute mächtig viel zu tun.“
Enrico bekam einen Passierschein ausgehändigt und durfte sich ein Stockwerk höher in einem langen Korridor plazieren.
Es dauerte nicht lange, bis er von einem verlegen wirkenden jungen Herrn in ein Bürozimmer gebeten wurde.
„Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen, aber Ihre Akte ist leider momentan nicht auffindbar und Frau Werner – die hat heute auch keine Zeit für Sie.
Bitte gehen Sie doch nach Hause und warten Sie dort, bis wir Sie anschreiben.
Jetzt zum Monatsende haben wir jede Menge zu tun, damit unsere Kunden ihre nächste Monatsrate auch pünktlich ausbezahlt bekommen.
Das müssen Sie doch verstehen.“
Enrico, der sich noch am Morgen ganz fest vorgenommen hatte, trotz aller Versuchungen ruhig und bestimmt zu bleiben, um die Jobcenter-Angestellten durch logische Überzeugungskraft zu schlagen und zu rationalem Handeln zu zwingen, konnte nun beim besten Willen nicht mehr an sich halten.
Ihm wäre sicher der Kragen geplatzt, hätte er einen solchen getragen.
Da dies aber nicht möglich war, ging seinem Wutanfall – oder sollte man es lieber eine „mittelschwere Nervenkrise“ nennen – eine intensive Rötung seines Gesichtes und das Anschwellen der Zornader voraus.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein! Das ist doch die Höhe!“, begann er nach einem kurzen Moment der Verblüffung erregt nach Luft zu schnappen.
„Ich verlange, daß man mich sofort mit dieser obskuren Frau Werner sprechen läßt, oder aber mit ihrem Vorgesetzten, denn auch ich bin schließlich einer ihrer Kunden, der seine Monatsrate gerne pünktlich in Empfang nehmen möchte.
Ich kann doch zu Hause nicht den Kitt aus den Fensterritzen fressen!“
Seine unerwartete Attacke zeigte Erfolg.
Der junge verschüchterte Angestellte versuchte nun durch gütliches Zureden, den auf die Palme gebrachten Enrico wieder auf den Teppich zurückzubringen.
„Warten Sie doch noch mal einen Moment draußen, ich will schauen, ob ich vielleicht doch noch etwas für Sie tun kann.“
Er komplementierte seinen enragierten Besucher nervös zuckend zur Tür und huschte dann geschwind hinter ihm her auf den Korridor hinaus.
Mit seinem Schlüsselbund hektisch klappernd, schloß er nun mit übertriebener Sorgfalt sein Büro gleich zweimal hinter sich ab, als befürchte er den Diebstahl von wichtigen Akten durch gerissene Einbrecher.
Einen Augenblick später war er schon am Ende des langen düsteren Flurs angelangt und durch einen Seitengang aus Enricos Blickfeld entschwunden.
Es dauerte nicht lange, bis er zurückkam, gefolgt von einer rothaarigen Frau mittleren Alters, der man schon von weitem ansah, daß sie äußerst schlecht gelaunt war.
„Kommen Sie schon herein!“, fuhr sie Enrico auch sogleich schroff wie ein Dragonerhauptmann an.
„Schließlich habe ich nicht den ganzen Tag lang Zeit, um mit Ihnen die Zeit zu vertrödeln.“
Enrico – in der Zwischenzeit schon wieder etwas ruhiger geworden – folgte ihr so schnell wie möglich in das Bürozimmer nach, um dort ohne Zeitversäumnis und so präzise wie möglich sein dringendes Anliegen zu erläutern.
Doch er kam mit der Erörterung seines dringenden Anliegens nicht weit.
Die ungeduldige Beamtin unterbrach ihn bereits nach den ersten Sätzen und fragte Enrico in höhnendem Ton:
„Sie behaupten also, einen Neuantrag auf Arbeitslosengeld II an unser Amt geschickt zu haben, und das schon vor einem Monat.
Ich möchte Ihnen hiermit mitteilen, daß bis dato hier bei uns noch nichts angekommen ist.“
„Das ist doch nicht möglich!“, beteuerte Enrico erstaunt.
„Mir wurde doch von Ihren Kollegen vom Telefondienst wiederholt der Eingang meines Antrags mündlich bestätigt.“
„Das kann ein jeder behaupten.
Und außerdem – eigentlich müßten Sie ja schon längst bemerkt haben, daß die Kollegen vom Telefonservice auch nicht die leiseste Ahnung davon haben, was eigentlich hier bei uns los ist.
Also, haben Sie nun einen Post-Einschreibezettel dabei, mit dem Sie beweisen können, daß Sie uns überhaupt kontaktiert haben? Wenn nicht, dann können Sie dieses Gespräch als beendet betrachten.“
Zufälligerweise hatte Enrico in seiner Not einen Blick auf den Schreibtisch des jungen Jobcenter-Mitarbeiters geworfen, der sich voller Schamesröte in die hinterste Ecke des Büros zurückgezogen hatte, von seinem im Stich gelassenen noch zu bearbeitendes riesiges Aktenbündel gut gedeckt.
Wie erstaunt war Enrico, als er seine Handschrift auf dem Briefkuvert ganz obenauf erkannte.
Er nahm seinen gesamten Mut zusammen und langte danach.
Er erkannte sogleich, daß es sich um seinen verleugneten Antrag vom Vormonat handelte.
„Aber hier ist doch meine Akte, die Sie partout nicht finden konnten“, wagte er der streitlustigen Amazone zu erwidern.
„Das sehe ich auch selbst!“, schnauzte die ertappte Dragonerin im Kasernentone zurück.
„Oder halten Sie mich etwa für blöd!“
„Das habe ich nicht gesagt, aber …“.
„Ich dulde hier kein 'aber', beweisen Sie uns lieber erst einmal, daß Sie auch wirklich bedürftig sind, ohne Kontoauszüge …“.
„Die habe ich natürlich mitgebracht.“
Mit einem leichten Lächeln des Triumphes reichte Enrico ihr den Stapel sorgfältig geordneter und gebündelter Sparkassenquittungen.
Das streitsüchtige Weib stürzte sich auch sofort wie eine Chimäre darauf, um sie eingehend zu studieren, ganz offensichtlich von der Hoffnung getrieben, irgendeine kleine Unstimmigkeit finden zu können.
Schon nach wenigen Augenblicken leuchteten ihre Augen boshaft auf:
„Und was habe ich hier entdeckt!? Am 30. August eine Überweisung von 500 Euro! Sie arbeiten also schwarz oder verfügen über weitere Einkommen, die sie uns heimtückischerweise verschwiegen haben?“
Enrico fühlte sich ertappt wie ein Dieb in der Nacht, der einer lauernden Polizeieskorte just in dem Moment in die Hände fällt, als er mit dem erbeuteten Diebesgut aus dem Fenster einer Nobelvilla steigt.
„D-d-d-as, das war nur etwas Geld von meiner Großmutter, das sie mir- mir – borgte, weil …“.
„Auch wenn Sie sich Geld von Ihrer Familie borgen, haben Sie dies unverzüglich bei uns zu melden.
Das haben Sie nicht getan – und über einen Schuldschein verfügen Sie auch nicht, wie ich gerade im Begriff bin feststzustellen.
Die 500 Euro werden Ihnen also als Sondereinkommen angerechnet, zuzüglich zu der einmonatigen Sperre, die wir über Sie bereits verhängen mußten.“
Durch diese makabere Entdeckung war der Triumph wieder vollends zur Wernerschen zurückgekehrt und sie kostete Ihren Sieg natürlich genüßlich aus.
Im eiskalten Tone ließ sie sich daher jetzt vernehmen, dabei prononcierend wie ein Volksgerichtstribun des Dritten Reiches vor einem Hauptangeklagten in einem Hochverratsprozeß:
„Mit Ihrer Faulenzerei wird es in Zukunft ein Ende haben.
Das kann ich Ihnen an dieser Stelle verkünden.
Ab sofort haben Sie uns zwanzig Bewerbungen pro Monat vorzuweisen, ansonsten müssen Sie mit weiteren Sanktionen von seiten unseres Amtes rechnen.
Mein werter Kollege Schleicher hat mich nämlich bereits ausführlich über Ihre hinterhältige und durchtriebene Art unterrichtet.
Im übrigen werde ich mir noch etwas ganz Besonderes einfallen lassen, um Sie aus Ihrer selbst verschuldeten Trägheit zu erlösen.“
Sie holte einen Moment Atem, den Enrico dazu nutzte, ihr erklären zu wollen, daß es ja sein größter Wunsch seit Jahren sei, einen ordentlichen Job zu finden.
„Papperlapapp“, raunzte die Hyäne zurück, nachdem sie wieder genügend Gas für einen neuerlichen Angriff auf das ihr wehrlos ausgeliefertes Opfer gesammelt hatte.
„Unterbrechen Sie mich doch nicht andauernd in meinem Redefluß.
Übrigens war ich auch zehn Jahre lang arbeitslos, da lasse ich mir doch von einem wie Sie nichts vormachen.“
„Aber dann müßten Sie doch eigentlich wissen, daß …“.
„Keine Widerrede! Sie werden in den nächsten Tagen unser Antwortschreiben mit den Ihnen zustehenden Zahlungen für das nächste halbe Jahr erhalten.
Wir wollen diesmal ausnahmsweise noch einmal gnädig mit Ihnen verfahren.
Die von Ihnen geschuldeten Beträge werden wir Ihnen mit 150 Euro pro Monat Abzug einberechnen, damit Sie uns nicht völlig absaufen.“
„Aber wie soll ich denn mit dem mir verbleibenden kleinen Restgeld meine Miete bezahlen und meinen Lebensunterhalt bestreiten.
Das ist doch unmöglich! Ich habe doch schon jetzt mein Girokonto überzogen.
Das haben Sie doch hoffentlich auch zur Notiz genommen.“
Diesmal ließ sich Enrico in seinem Redefluß nicht unterbrechen.
Bis zum Schluß haspelte er seine Verteidigung herunter, die er mit der im Donnertone vorgetragenen Drohung beendete:
„Ich werde dieses Zimmer nicht eher verlassen, als bis ich von Ihnen einen Vorschuß erhalten habe!“
Frau Werner flüsterte ihrem scheuen Arbeitskollegen etwas zu und verkündete dann wie eine Schneekönigin: „Ich habe Herrn Hoppel soeben angewiesen, Ihnen fünfzig Euro vorzuschießen, Dieses Geld dürfen Sie sich am Automaten im Erdgeschoß abheben.
Das dürfte fürs erste reichen, nehme ich an.“
Nach diesen erhabenen Worten drehte sich die Furie auf ihren Hacken um und stolzierte ohne Abschiedsgruß erhobenen Hauptes aus dem Zimmer, während der vor Scham noch immer puterrote Herr Hoppel ohne einen Mucks zu sagen Enrico eine Chipkarte überreichte, auf der die angewiesene Summe gespeichert war.
Wie betäubt nahm dieser den gewährten mageren Vorschuß entgegen, um sich eilends davonzustehlen.
Noch nie in seinem Leben war er auf eine solch zynische und menschenverachtende Weise gedemütigt worden.